Kurz ehe er die Wache übernahm, war er zu den dunklen Zellen hinuntergegangen. Er schickte den Posten zum Ende der Leiter, öffnete die Tür und hielt eine Laterne in die Zelle. Allday lehnte gebückt an der gegenüberliegenden Seite und hielt abschirmend die Hände vor die Augen. Seine Füße rutschten auf seinem eigenen Kot aus. Ekel und Wut, die Herrick empfunden haben könnte, waren in diesem Augenblick wie weggewischt. Er hatte lautes Leugnen oder dumpfes Aufbegehren erwartet. Statt dessen begegnete er dem Versuch, Würde zu wahren.

Er fragte ruhig:»Haben Sie mir noch etwas zu sagen, Allday? Ich habe nicht vergessen, daß Sie mir auf den Klippen das Leben gerettet haben. Wenn Sie mir alles erzählen, kann ich vielleicht doch noch irgend etwas für Sie tun.»

Allday machte eine Bewegung, als wolle er sein langes Haar aus der Stirn schieben, und blickte auf die schweren Handschellen hinunter, ehe er bebend hervorstieß:»Ich habe es nicht getan, Mr. Herrick. Wie kann ich mich gegen etwas verteidigen, was ich nicht getan habe?»

«Verstehe. «In der Stille hörte Herrick das Rascheln der Ratten und die sonderbaren, ächzenden Geräusche eines Schiffs auf See.»Wenn Sie es sich anders überlegen sollten. .»

Allday versuchte, auf Herrick zuzutreten, taumelte aber gegen dessen Arm. Einige Sekunden lang spürte Herrick die vor Furcht schweißnasse Haut des anderen und roch dessen Verzweiflung: ein Geruch des Todes.

«Auch Sie glauben mir nicht«, sagte Allday gepreßt.»Was soll das Ganze also?«Seine Stimme gewann ein wenig innere Kraft.»Lassen Sie mich in Ruhe. Lassen Sie mich um Gottes willen in Ruhe. «Doch als Herrick die Tür wieder verriegeln wollte, fragte Allday leise:»Was meinen Sie, Sir, ob man mich zur Verhandlung vor ein Kriegsgericht nach Hause schickt?»

Herrick wußte, daß die Marine gar nicht daran dachte. Die Gerechtigkeit schlug schnell und endgültig zu. Während er auf die dick beschlagene Tür blickte, sagte er jedoch:»Vielleicht. Warum fragen Sie?»

Die Antwort klang so gedämpft, als hätte Allday das Gesicht zur Seite gedreht.»Weil ich gern noch einmal die grünen Hügel wiedersehen würde. Bloß ein einziges Mal. Bloß für ein paar Minuten.»

Die Trauer und Verzweiflung dieser Worte hatten Herrick den ganzen Tag verfolgt. Selbst jetzt, während der Wache, hörte er sie noch.»Verflucht!«rief er wütend. Die beiden Rudergänger richteten sich so hastig auf, als habe er sie geschlagen. Der dienstältere Mann beobachtete besorgt, daß Herrick zum Rad kam, und sagte schnell:»Sie liegt genau auf Kurs, Sir. Süd zu Ost.»

Herrick sah ihn an und dann auf die sanft schwingende Kompaßrose. Die armen Teufel haben eine Mordsangst, weil ich laut geflucht habe, dachte er.

Von der Leereling kam eine dunkle Gestalt langsam auf ihn zu. Es war Proby. Die Glut seiner kurzen Tonpfeife erhellte schwach seine Hängebacken.

«Können Sie nicht schlafen, Mr. Proby?«fragte Herrick.»Die Brise weht nur schwach, aber stetig. Sie brauchen sich heute nacht keine Sorge zu machen.»

Der Steuermann sog geräuschvoll am Mundstück.»Diese Nachtstunde ist die beste, Mr. Herrick. Man kann in den Wind schauen und darüber nachdenken, was man mit seinem Leben angefangen hat.»

Herrick sah Proby von der Seite her an. Zerknitterte Züge. Im Aufglühen der Pfeife glich sein Gesicht einer verwitterten Skulptur. Zugleich ging etwas Beruhigendes von ihm aus. Er hatte etwas Zeitloses wie das Meer. Nach einer Weile fragte er:»Was meinen Sie, Mr. Proby, ist mit Evans' Tod nun alles erledigt, oder folgt noch etwas?»

«Wer kann das wissen?«Proby verlegte sein Gewicht von einem Plattfuß auf den anderen.»So schnell vergißt sich so etwas nicht. Aye, so schnell nicht.»

Proby verbarg die Glut des Pfeifenkopfs plötzlich mit seiner fleischigen Hand und sagte verstohlen:»Der Kapitän ist an Deck, Mr. Herrick. «Dann, laut und sachlich:»Wenn der Wind sich hält, sind wir morgen unter Land. Also gute Nacht, Mr. Herrick.»

Damit war er verschwunden, und Herrick ging zur Leereling. Er schielte zum Kapitän hinüber und sah, daß Bolitho aufrecht an der Luvreling stand. Das Mondlicht floß über sein weißes Hemd, während er auf die Lichtspiegelungen außenbords starrte. Seit Alldays Festnahme hatte er das Achterdeck nie länger als für eine Stunde verlassen, sondern war entweder an der Heckreling auf und ab gegangen oder hatte bloß auf das Meer hinausgeblickt, so wie jetzt.

Abends hatte Herrick zufällig ein Gespräch zwischen dem Steuermann und Bootsmann Quintal mitangehört. Während er nun Bolithos reglose Gestalt beobachtete, erinnerte er sich wieder ihrer Worte. >Ich hatte keine Ahnung, daß ihm Evans' Tod so nahe gehen würde.< hatte der Bootsmann heiser geflüstert. >Es scheint ihm alles ganz schön an die Nieren zu gehn.< Old Proby hatte seine Antwort genau abgewogen. >Es ist die Tat an sich, die den Kapitän getroffen hat, Mr. Quintal. Er fühlt sich betrogen, und das schmerzt ihn.


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